aus•zeit

Tag 7.

Nachtrag Tag 5: Öffentlicher Verkehr in LA:

(Travel Town)

Tag 6.

Wir verlassen LA und fliegen nach Boise (Idaho, im Norden an der Westküste).

Es ist kalt und ich sauge diese eigenartige amerikanische Kultur auf. Meist als Kaffee. Im Kaffeehaus. Und ich schau. Wie ein Österreicher halt oft schaut.

Dieses weite Land mit den riesengroßen Kühlschränken. Mit der Offenheit, Oberflächlichkeit, Herzlichkeit, Verrücktheit (im besten und im klinischen Sinn) – wir sind einander so ähnlich und doch so anders.

Wow. Ich springe in den Abgrund voll in die Binsenweisheiten. I’ll be back.

Tag 5.

Wir gehen zum (jüdischen) Friedhof und besuchen S.s Großeltern. Eine Großmutter war bekannt für ihre Abneigung gegenüber allem deutschen. Sie weigerte sich sogar in ein deutsches Auto zu steigen.

Und doch hieß sie mich, diesen österreichischen Ex-Katholiken, herzlich willkommen in ihrer Familie und nahm mich wie einen Enkel auf (“my first grandson” – sie hatte nur Enkelinnen).

Mein Großvater wurde im letzten Kriegsjahr als 17 Jähriger noch eingezogen. Als er vor 5 Jahren starb, ließ sie drei Bäume für ihn in Israel pflanzen.

Ich nehm sie als Erinnerung daran, Menschen wieder aus den Schubladen rauszulassen, in die ich sie gesteckt habe. Manchmal funktioniert es.

Tag 4.

Ich weiß nicht, ob ich in LA leben könnte. Ich bin gerne in London zu Besuch, bin aber froh, dass wir nicht mehr dort leben. Hier geht’s mir ähnlich. Gut zum Batterien aufladen und Perspektiven zu erweitern, aber der Verkehr würde mich in den Wahnsinn treiben.

Tag 3.

Wir besuchen S.s Onkel in seinem Studio.

Er ist in den späten 70ern nach New York gegangen und malt seine Bilder. Er hat ein unglaubliches Gespür. Es tut gut ihn und seine Arbeit zu sehen. Er hat ein riesengroßes Atelier, eine Handvoll Menschen arbeiten für ihn.

Little J malt mit ihm.

PS. Ich such ein Atelier in Wien und bin auf der Suche nach meiner/m ersten Angestellten.

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Tag 2.

Um 02:15 Uhr bin ich wach und trotzdem schaffe ich es nicht zum CrossFit um 5:30. Ich beginne den Tag mit Gwyneth Paltrow’s Show auf Netflix. Ich liebe und hasse diese Show, einerseits gefällt mir, dass sie diese schrägen Dinge in den Mainstream holt – sehr gefallen mir diese verbindenden Erfahrungen für ihr Team – die Einseitigkeit der Episoden stört mich auch nicht.

Und trotzdem stimmt irgend etwas nicht. Der Hochglanz, die Glätte setzt mich auf eine Achterbahn, die zwischen Inspiration und Ugh pendelt. Einfach anschauen.

CrossFit.

Ich hab ein bisschen Angst davor… ich bin gestern reingestolpert und der Kerl saß da, durchtrainiert und ohne T-shirt. Military training Blabla.

CrossFit wollte ich schon immer mal probieren, aber die Propaganda darum ist mir suspekt. Warum bin ich oft so kritisch?

Morgen vielleicht.

Wir liegen schon wieder im Park. Seele baumeln lassen. Tut schon gut. Aber dafür um die halbe Welt fliegen ist a bissl dekadent.

Ab ins Yoga. Raus aus der Kritik und völlig eintauchen. Einfach mal richtig dabei sein. Ohne aber. Fast ohne.

Tag 1.

Der Jetlag verwirrt mich. Ich wache um 01:15 Uhr auf. S. und Little J. Um 02:00 bzw. 03:30 Uhr.

Wir verbringen die ersten Tage in Santa Monica, der erste Tag beginnt mit einem fast kitschigen Sonnenaufgang, wir gehen zum Strand und dann frühstücken, alles ein Steinwurf von unserer Unterkunft entfernt.

Dieses Land ist so anders als Österreich, diese Stadt so anders als Wien. Es tut gut an einem anderen Ort zu sein und auch ein bisschen anders sein zu können.

Tag 0.

Es geht los. Von Meidling nach Malibu. Eigentlich von Rudolfsheim nach Santa Monica. Aber die beiden M klingen besser… 45 Minuten nach München, 11.35h nach Los Angeles.

Zum Abschied sehen wir noch den Kickl beim Security Check in Wien. Er darf durch… sein Anblick macht’s mir leicht Österreich zu verlassen, das Wissen, dass der Lauser zur Zeit wenig(er) anstellen kann, lässt mich gern wieder zurück kommen. Aber erstmal nach München und dann weiter.

Das US-Flughafenpersonal empfängt uns mit Mundschutz und Gummihandschuhen, S. und J. müssen trotz ihrer US Pässe mit mir bei den Ausländern anstehen. Und das tun wir dann unter der riesigen US-Flagge. Welcome home. Darauf freut sich S., mich freut es auch. Es fühlt auch ein bisschen nach Heimat an.

Was für ein Land.

Der iranische Taxifahrer meinte, er würde sofort zu seinem Sohn in Düsseldorf ziehen. “Die Amerikaner haben keine Klasse… Sorry.”

Der irakische Taxifahrer (don’t ask), sagt es ist dass beste Land der Welt.

Und was sagt S., die Amerikanerin? Wie die meisten Expats sieht sie ihre Heimat sowohl kritisch als auch romantisch verklärt.

Tag -1.

Little J ist krank. Der Zirkus fällt aus und meine Show wird verschoben. Dann kann ich noch dran feilen…

Ich gönn mir noch einen letzten Kaffee im Brass Monkey.

Ein Monat weg sein. Ich freu mich sehr. Ich arbeite an einer neuen Show.

Tag -2.

Im Kindergarten gibt’s Zirkus. Zum normalen Zirkus gibt’s im Fasching extra Zirkus. Die Leiterin klopft mich weich und ich erkläre mich bereit eine Zaubershow für die Kinder zu machen. Viel klopfen muss sie nicht.

Meine letzte und erste Kindershow fand vor über 20 Jahren statt. Es macht mir Spaß alte Sachen auszugraben und überhaupt keinen Druck zu haben.

Ich habe keine Ahnung wie man eine Kinderzaubershow macht. Aber fehlende Ahnungen haben mich selten daran gehindert etwas zu versuchen.

Tag – 3.

Im Jänner hat’s gekracht. Das neue Jahr hat mit einer Auftragsflutwelle begonnen und die Aussicht auf eine 4 wöchige Auszeit hat diese Flut zu einer Welle gemacht, auf der ich (meist) gut gesurft bin.

In 3 Tagen geht’s los. Ich darf Artist in Residence sein. War ich schon lange nicht mehr. Was heißt es? Diesmal heißt es, dass ich mir Zeit nehmen kann für die Dinge, die im Arbeitsalltag zu kurz kommen. Ich arbeite konzentriert an meiner Keynote Performance, sammle Material für meine neue Show UND tu konzentriert NIX. Schau was passiert. Bewusst nix tun. Und dann das bewusst tun, was getan wird.

2020

Das neue Jahr beginnt mit einer Lust am Schreiben. Eigentlich sollte ich andere Sachen machen. Admin. Emails. Treffen vorbereiten. Projekte konkretisieren. Angebote schreiben.

Jetzt schreib ich zum Spaß.

2019 war richtig gut. Es lief wie Sau. Ich hab mir ein hohes Ziel gesteckt und das noch mal übertroffen.

Und der Schwung fließt ins neue Jahr über. Der Bär steppt und ich freue mich einfach. Ich tue meine Arbeit sehr gern. Und mehr von etwas zu tun, das man sehr gern tut, das tut gut.

Ich freue mich, dass es schwingt, denn es wird auch mal wieder nicht schwingen. Und dann wieder schwingen.

Meine Liedempfehlung für 2020 ist Richie Havens. here comes the sun. Kann man auch gerne im Loop hören. Bis nicht nur der Bär steppt, sondern man selbst auch. Ohohohoh… ich stepp schon. Tschüss!

 

 

 

Versuchskultur #2

Schadenfreude als Wort gibt es im Englischen nicht. Sie sagen auch Schadenfreude. Mit englischem Akzent. So wie wir cool und sexy sagen, sagen sie: Schadenfreude is not cool man. Or sexy.

Nicht dass sie das Gefühl nicht kennen. Ich würde sagen, Schadenfreude ist ein zutiefst menschliches Gefühl. Allerdings habe ich die Vermutung, dass wir dieses Gefühl so gut kennen, dass sich einer dachte: Höchste Zeit, dass wir ein Wort dafür finden.
FälltJemandAufsMaulFreueIchMich ? Zu deutsch.
HautsJemandenAufDiePappnFreit’sMi? Zu österreichisch.

Ok, dann sagen wir Schadenfreude.
Genau! Fucking Schadenfreude. That’s it Kameraden.

Und lasst uns, wenn wir schon dabei sind ein System aufbauen, dass die bestraft, die die meisten Fehler machen. Und die, die weniger machen, können sich freuen.

Und so zogen sie aus und taten es. Und Gott sah, dass es idiotisch war. Aber sie dachte sich: Lass ich sie mal machen. Was kann schon schiefgehen.

Meine schönste Schulerinnerung. Als ich 11 oder 12 Jahre alt war, mussten wir in Englisch einen Aufsatz schreiben.
Bedingung I: Möglichst viele (alle?) irregulären Verben aus einer Liste verwenden.
Bedingung II: Die Geschichte muss nicht unbedingt Sinn ergeben und Fehler werden nicht gezählt.

Ich kann mich noch vage an den Aufsatz  von vor 25 Jahren erinnern. Ich kann mich noch genau an die Freude beim Schreiben erinnern.
Freude gemischt mit Unverständnis: Ich kann alles schreiben? Fehler werden nicht gezählt? Geht das?

Es war wunderschön.

Dicke Bretter – dünne Bretter

Mein Coach meinte einmal:
Wenn ich die Wahl habe, säge ich das Brett lieber an der dünnen Stelle durch und nicht an der dicken.

Klingt logisch. Ist oft nicht so einfach.

Manchmal habe ich das Gefühl, ich muss das Auto aus dem Schlamm schieben – und schiebe und schiebe, aber es geht nix weiter. Und ich ärgere mich, dass es so mühsam ist.
Bis ich draufkomme, dass die Handbremse noch angezogen ist.

Manchmal ist es gut mit dem Sägen und dem Schieben aufzuhören und zu fragen:
Säge ich an der dünnen Stelle?
Ist die Handbremse noch angezogen? Ja? Dann löse ich mal zuerst die Handbremse.

Ist leicht, aber oft nicht einfach.

Denn wie so oft, wissen wir es ja, vergessen es aber immer wieder.

#pausemachen #abstandnehmen

Wir Sind Wien.

Am 1. Juni spiel ich in der Virgilkapelle. Vorne in der Mitte vor dem Brunnen. Was für ein Raum. Man kommt rein und will nur mal den Mund halten. Still sein.
Es sollte mehr solcher Räume geben.

Ich arbeite an einer Kurzfassung vom Fest für das Wir Sind Wien Festival. Mein Mitstreiter ist Klaus Huhle. Er wurde mir von einem Freund als Regisseur empfohlen. Ich wählte seine Nummer und ein junger sympathischer Deutscher antwortete. Wir haben uns gut verstanden und gleich was ausgemacht. Daraufhin hab ich ihn mal gegoogelt.

Kommt heraus, dass er sympathisch und deutsch ist (ich beneide ihn um seine Aussprache…) und Träger des Stella Preises ist. So schaut er aus.Um ehrlich zu sein, hatte ich ein ganz anderes Bild nach unserem Telefonat. Ich nenne ihn den Einstein unter den Regisseuren. Denn er schaut nicht nur so aus.
Die Arbeit ist für uns beide knochenhart. Sie macht viel Spaß, aber ich komm danach raus und fühl mich durchgekaut. So durchgekaut, dass ich nur ein Vorherbild ins Netz stellen will.Der Einstein unter den Illusionisten. Sympathisch, aber kaum einer versteht ihn wirklich. (Die Übung mit dem Korken steht an.)

Unsere Arbeit erinnert mich viel an dieses Buch.Den Autor habe ich vor 4 Wochen kennengelernt, das Buch ist fantastisch. Aber das ist eine andere Geschichte und die soll ein andermal erzählt werden.

Man muss flexibel bleiben. Auch im Gefängnis.

Während des Lichtermeers für Ute Bock im Februar 2018 wurde mir mal wieder bewusst: Man kann schon was tun, auch als einzelner. Und ich hab mir vorgenommen was zu tun. Als einzelner.

Letztes Jahr bin ich zum zweiten Mal im Gefängnis aufgetreten und hatte sehr berührende Begegnungen mit den Menschen dort. Diesen Menschen ist viel passiert, sie haben auch viel getan, aber eines ist klar: Sie sind mit vielen Unmöglichkeiten konfrontiert. Wenn man einmal in der Schublade ‘Krimineller’ drinnen ist, kommt man nur schwer wieder raus.

Mein pro-bono Projekt für 2019. An vier Nachmittagen mache ich mit Insassen einen Auszug aus meinem Workshop: Das Undenkbare Tun.
Wir spielen viel, bewegen uns viel, spielen viel Theater miteinander und stellen uns Fragen.
Alles mit einem Ziel: Möglichkeiten zu sehen.
Ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber immerhin ein Tropfen.

Was ich RICHTIG schätze an meiner Arbeit: Ich erhalte Einblicke in unterschiedlichste Lebenswelten. Ich habe großen Respekt vor den Insassen, den Sozialarbeiter*innen und den Justizbeamt*innen.

ABER: Stell dir vor, wir investieren richtig viel Geld in Gefängnisse – und dann auch in Schulen und generell in Ausbildung von Jung und Älter. Wieviel bräuchte es, bis Gefängnisse überflüssig sind?
Das wäre mal ein EU-Projekt für das ich Österreich anmelden würde. So viel Geld kann das wohl nicht sein, oder? Mehr als eine Hypo und ein, zwei Eurofighter?

Ich mach mir halt gerne Illusionen…

P.S.: Eine der Fragen, die wir uns stellen:
What would you do, if you knew you couldn’t fail?
Frei übersetzt:
Was würdest du tun, wenn alles möglich wäre?
Noch freier übersetzt:
Gibt es etwas, das du gerne tun würdest, aber die Angst vor dem Scheitern hält dich ab? Was ist es?

Du bist herzlich eingeladen dir diese Frage bei einer Melange zu stellen.

 

Versuchskultur

Ein Eisbär steht am Rande das Wassers, er schaut abwechselnd ins Wasser rein und mir in die Augen. Vergeblich hält er Ausschau nach Beute im Wasser – gleichzeitig dämmert ihm auf einer tieferen (höheren?) Bewusstseinsebene, dass etwas an seiner Situation zutiefst absurd und falsch ist.
Ach ja, wichtiges Detail: Wir sind im Zoo. Er auf einer Seite des Zaunes, ich auf der anderen. Er schaut mich an und scheint zu fragen: “Was ist da los? Irgendwas stimmt überhaupt nicht…”

Der Zoo ist deprimierend. Die Tiere schauen verwirrt aus dem Gehege und scheinen eines in aller Deutlichkeit zu sagen: Ihr fahrt diese Welt wirklich mit Vollgas an die Wand. Artenschutz hin oder her.

Immerhin, die Kinder haben Spaß. Ich versuche meine trüben Gedanken mit interaktiven Computer Spielen zu vertreiben: Man hört eine Tierstimme und muss sie über einen Bildschirm dem richtigen Tier zu ordnen. 15 Tiere, vom Pottwal bis zur Schneeeule. (Drei E?)

Mich packt der Ehrgeiz. Wie wild drücke ich auf Tiergesichter. Little J, 3 Jahre, drückt auch. Wir beide haben dieselbe geringe Erfolgsquote. Er hat jedoch eindeutig mehr Spaß. “Schau Papa!” Mich ärgert, dass ich Orka Laute einem Papageitaucher zugeordnet habe. Wie konnte ich nur…

Seit ich ein kleiner Bub bin, wurde die Fehlerkultur gut geübt: “Das ist richtig, das ist falsch! Nur nix falsch machen! NIX falsch machen! Wie konntest du das nur falsch machen?!?”
Ich kann mich erinnern mein Unverständnis darüber mit einem vagen “Was ist da los? Irgendwas stimmt überhaupt nicht…” ausgedrückt zu haben.

Ich übe jetzt schon seit einigen Jahren etwas, das ich Versuchskultur nennen: Mich frisch und frei Herausforderungen stellen. Die Herangehensweise ist erstaunlich einfach, die Ergebnisse sind überraschend. Un•Denk•Bar kann man sagen. Und meistens macht es richtig Spaß.
Aber es soll nicht heißen, dass es immer leicht und easy ist. Manchmal ist es auch verdammt mühsam frisch und frei zu sein. Rückfälle in die Fehlerkultur gibt es immer wieder. Schließlich hab ich sie ja auch Jahrzehnte lang einstudiert.

Sven Regner hat schon Recht, wenn er schreibt: “Gewohnheit, die alte Sau, lässt einen nicht im Stich.” (Magical Mystery, 2013).
Oder für alle, die es ein wenig gehobener wollen: “Wir sind, was wir wiederholt tun.” Aristoteles. Wobei die englische Übersetzung es besser trifft: We are what we habitually do.
Wir sind, was wir aus Gewohnheit tun. Rollt auf deutsch aber nicht so leicht von der Zunge.
Vielleicht warten wir deshalb noch auf einen deutsch/österreichischen Bob Dylan. Heißt ja eigentlich auch Robert Zimmermann. Auweh, es hängt alles zusammen: Die Eisbären, Bob Dylan und dreijährige Philosophen.
Es gibt doch einen Gott.

P.S. Ich lese zur Zeit ein spitzen Buch: Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
Er schreibt darin von einer Studie, die folgendes besagt: Je mehr Zeit und Energie wir verwenden, um eine Theorie aufzustellen, umso schwieriger ist es, sie aufzugeben. Auch wenn sie falsch ist.
Dabei musste ich an Zoos denken. Und an Schulen. Und an Religionen.

P.P.S. Natürlich leisten Zoos wichtige und wertvolle Arbeit, aber in der beste aller Welten gibt’s keine Zoos.
Nur eine Vermutung.

Prison Blues

Eine Weihnachtsgeschichte.
Ich hab selten das Gesetz gebrochen und bin nur einmal dabei erwischt worden. Bei meiner Schwiegermutter liegt das Beweis Foto. Ich habe in Los Angeles eine rote Ampel überfahren. Anscheinend verstehen wir Ösis das Rechtsabbiegen bei Rot nicht ganz. Ins Gefängnis musste ich dafür allerdings nicht. Noch nicht. Absolute Klarheit gibt es erst bei meiner nächsten Einreise. Direkte Erfahrung mit dem Hefn hab ich also keine…

Kein Wunder also, dass mir vor meinem ersten Weihnachtsauftritt im Gefängnis die Knie so sehr schlotterten, dass Elvis neidisch gewesen wäre. Allerdings ohne Grund. Hier sind nur normale Verbrecher, versicherte mir der Abteilungsbeamte. Die abnormen Rechtsbrecher sind im 5. Bezirk. (3 Gehminuten von unserer Wohnung. Na dann ist ja gut.)
Meine Angst war wirklich unbegründet. Ich verbrachte einen wundervollen Nachmittag mit diesen Männern. Heuer, als ich zum zweiten Mal bei der Weihnachtsfeier spielte, war es ebenso. Ich blieb nach dem Auftritt noch fast 2 Stunden und trank Punsch mit den Gästen, sie erzählten mir von ihrem Leben, von ihren Beziehungen, von ihren Kindern…
Es sind alles erwachsene Männer, die Fehler gemacht haben, dennoch rührt es mich zu Tränen, wenn ich denke, dass sie die Feiertage ohne ihre Lieben verbringen müssen.
Wir wollen viel, aber eines wollen wir alle. Trotz all unserer Fehler mit Respekt behandelt werden. Und das wurden wir an diesem Nachmittag.

Ich bin mir nicht sicher, was Weihnachten für mich ist und worum es wirklich geht. Aber als ich mit diesen Männern in der Turnhalle stand und Kinderpunsch trank, dachte ich: Vielleicht ist das Weihnachten, Kekse essen auf Augenhöhe.

Ich wünsche euch, dass die nächsten Tage vor allem eines sein mögen: Erholsam.
Ich tue mal nix und freu mich drauf.

P.S. Ich habe entschieden, dass 2019 ein richtig gutes Jahr wird. Hab ich gern gemacht.

Over and out.