Versuchskultur #2

Schadenfreude als Wort gibt es im Englischen nicht. Sie sagen auch Schadenfreude. Mit englischem Akzent. So wie wir cool und sexy sagen, sagen sie: Schadenfreude is not cool man. Or sexy.

Nicht dass sie das Gefühl nicht kennen. Ich würde sagen, Schadenfreude ist ein zutiefst menschliches Gefühl. Allerdings habe ich die Vermutung, dass wir dieses Gefühl so gut kennen, dass sich einer dachte: Höchste Zeit, dass wir ein Wort dafür finden.
FälltJemandAufsMaulFreueIchMich ? Zu deutsch.
HautsJemandenAufDiePappnFreit’sMi? Zu österreichisch.

Ok, dann sagen wir Schadenfreude.
Genau! Fucking Schadenfreude. That’s it Kameraden.

Und lasst uns, wenn wir schon dabei sind ein System aufbauen, dass die bestraft, die die meisten Fehler machen. Und die, die weniger machen, können sich freuen.

Und so zogen sie aus und taten es. Und Gott sah, dass es idiotisch war. Aber sie dachte sich: Lass ich sie mal machen. Was kann schon schiefgehen.

Meine schönste Schulerinnerung. Als ich 11 oder 12 Jahre alt war, mussten wir in Englisch einen Aufsatz schreiben.
Bedingung I: Möglichst viele (alle?) irregulären Verben aus einer Liste verwenden.
Bedingung II: Die Geschichte muss nicht unbedingt Sinn ergeben und Fehler werden nicht gezählt.

Ich kann mich noch vage an den Aufsatz  von vor 25 Jahren erinnern. Ich kann mich noch genau an die Freude beim Schreiben erinnern.
Freude gemischt mit Unverständnis: Ich kann alles schreiben? Fehler werden nicht gezählt? Geht das?

Es war wunderschön.

Dicke Bretter – dünne Bretter

Mein Coach meinte einmal:
Wenn ich die Wahl habe, säge ich das Brett lieber an der dünnen Stelle durch und nicht an der dicken.

Klingt logisch. Ist oft nicht so einfach.

Manchmal habe ich das Gefühl, ich muss das Auto aus dem Schlamm schieben – und schiebe und schiebe, aber es geht nix weiter. Und ich ärgere mich, dass es so mühsam ist.
Bis ich draufkomme, dass die Handbremse noch angezogen ist.

Manchmal ist es gut mit dem Sägen und dem Schieben aufzuhören und zu fragen:
Säge ich an der dünnen Stelle?
Ist die Handbremse noch angezogen? Ja? Dann löse ich mal zuerst die Handbremse.

Ist leicht, aber oft nicht einfach.

Denn wie so oft, wissen wir es ja, vergessen es aber immer wieder.

#pausemachen #abstandnehmen

Wir Sind Wien.

Am 1. Juni spiel ich in der Virgilkapelle. Vorne in der Mitte vor dem Brunnen. Was für ein Raum. Man kommt rein und will nur mal den Mund halten. Still sein.
Es sollte mehr solcher Räume geben.

Ich arbeite an einer Kurzfassung vom Fest für das Wir Sind Wien Festival. Mein Mitstreiter ist Klaus Huhle. Er wurde mir von einem Freund als Regisseur empfohlen. Ich wählte seine Nummer und ein junger sympathischer Deutscher antwortete. Wir haben uns gut verstanden und gleich was ausgemacht. Daraufhin hab ich ihn mal gegoogelt.

Kommt heraus, dass er sympathisch und deutsch ist (ich beneide ihn um seine Aussprache…) und Träger des Stella Preises ist. So schaut er aus.Um ehrlich zu sein, hatte ich ein ganz anderes Bild nach unserem Telefonat. Ich nenne ihn den Einstein unter den Regisseuren. Denn er schaut nicht nur so aus.
Die Arbeit ist für uns beide knochenhart. Sie macht viel Spaß, aber ich komm danach raus und fühl mich durchgekaut. So durchgekaut, dass ich nur ein Vorherbild ins Netz stellen will.Der Einstein unter den Illusionisten. Sympathisch, aber kaum einer versteht ihn wirklich. (Die Übung mit dem Korken steht an.)

Unsere Arbeit erinnert mich viel an dieses Buch.Den Autor habe ich vor 4 Wochen kennengelernt, das Buch ist fantastisch. Aber das ist eine andere Geschichte und die soll ein andermal erzählt werden.

Man muss flexibel bleiben. Auch im Gefängnis.

Während des Lichtermeers für Ute Bock im Februar 2018 wurde mir mal wieder bewusst: Man kann schon was tun, auch als einzelner. Und ich hab mir vorgenommen was zu tun. Als einzelner.

Letztes Jahr bin ich zum zweiten Mal im Gefängnis aufgetreten und hatte sehr berührende Begegnungen mit den Menschen dort. Diesen Menschen ist viel passiert, sie haben auch viel getan, aber eines ist klar: Sie sind mit vielen Unmöglichkeiten konfrontiert. Wenn man einmal in der Schublade ‘Krimineller’ drinnen ist, kommt man nur schwer wieder raus.

Mein pro-bono Projekt für 2019. An vier Nachmittagen mache ich mit Insassen einen Auszug aus meinem Workshop: Das Undenkbare Tun.
Wir spielen viel, bewegen uns viel, spielen viel Theater miteinander und stellen uns Fragen.
Alles mit einem Ziel: Möglichkeiten zu sehen.
Ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber immerhin ein Tropfen.

Was ich RICHTIG schätze an meiner Arbeit: Ich erhalte Einblicke in unterschiedlichste Lebenswelten. Ich habe großen Respekt vor den Insassen, den Sozialarbeiter*innen und den Justizbeamt*innen.

ABER: Stell dir vor, wir investieren richtig viel Geld in Gefängnisse – und dann auch in Schulen und generell in Ausbildung von Jung und Älter. Wieviel bräuchte es, bis Gefängnisse überflüssig sind?
Das wäre mal ein EU-Projekt für das ich Österreich anmelden würde. So viel Geld kann das wohl nicht sein, oder? Mehr als eine Hypo und ein, zwei Eurofighter?

Ich mach mir halt gerne Illusionen…

P.S.: Eine der Fragen, die wir uns stellen:
What would you do, if you knew you couldn’t fail?
Frei übersetzt:
Was würdest du tun, wenn alles möglich wäre?
Noch freier übersetzt:
Gibt es etwas, das du gerne tun würdest, aber die Angst vor dem Scheitern hält dich ab? Was ist es?

Du bist herzlich eingeladen dir diese Frage bei einer Melange zu stellen.

 

Versuchskultur

Ein Eisbär steht am Rande das Wassers, er schaut abwechselnd ins Wasser rein und mir in die Augen. Vergeblich hält er Ausschau nach Beute im Wasser – gleichzeitig dämmert ihm auf einer tieferen (höheren?) Bewusstseinsebene, dass etwas an seiner Situation zutiefst absurd und falsch ist.
Ach ja, wichtiges Detail: Wir sind im Zoo. Er auf einer Seite des Zaunes, ich auf der anderen. Er schaut mich an und scheint zu fragen: “Was ist da los? Irgendwas stimmt überhaupt nicht…”

Der Zoo ist deprimierend. Die Tiere schauen verwirrt aus dem Gehege und scheinen eines in aller Deutlichkeit zu sagen: Ihr fahrt diese Welt wirklich mit Vollgas an die Wand. Artenschutz hin oder her.

Immerhin, die Kinder haben Spaß. Ich versuche meine trüben Gedanken mit interaktiven Computer Spielen zu vertreiben: Man hört eine Tierstimme und muss sie über einen Bildschirm dem richtigen Tier zu ordnen. 15 Tiere, vom Pottwal bis zur Schneeeule. (Drei E?)

Mich packt der Ehrgeiz. Wie wild drücke ich auf Tiergesichter. Little J, 3 Jahre, drückt auch. Wir beide haben dieselbe geringe Erfolgsquote. Er hat jedoch eindeutig mehr Spaß. “Schau Papa!” Mich ärgert, dass ich Orka Laute einem Papageitaucher zugeordnet habe. Wie konnte ich nur…

Seit ich ein kleiner Bub bin, wurde die Fehlerkultur gut geübt: “Das ist richtig, das ist falsch! Nur nix falsch machen! NIX falsch machen! Wie konntest du das nur falsch machen?!?”
Ich kann mich erinnern mein Unverständnis darüber mit einem vagen “Was ist da los? Irgendwas stimmt überhaupt nicht…” ausgedrückt zu haben.

Ich übe jetzt schon seit einigen Jahren etwas, das ich Versuchskultur nennen: Mich frisch und frei Herausforderungen stellen. Die Herangehensweise ist erstaunlich einfach, die Ergebnisse sind überraschend. Un•Denk•Bar kann man sagen. Und meistens macht es richtig Spaß.
Aber es soll nicht heißen, dass es immer leicht und easy ist. Manchmal ist es auch verdammt mühsam frisch und frei zu sein. Rückfälle in die Fehlerkultur gibt es immer wieder. Schließlich hab ich sie ja auch Jahrzehnte lang einstudiert.

Sven Regner hat schon Recht, wenn er schreibt: “Gewohnheit, die alte Sau, lässt einen nicht im Stich.” (Magical Mystery, 2013).
Oder für alle, die es ein wenig gehobener wollen: “Wir sind, was wir wiederholt tun.” Aristoteles. Wobei die englische Übersetzung es besser trifft: We are what we habitually do.
Wir sind, was wir aus Gewohnheit tun. Rollt auf deutsch aber nicht so leicht von der Zunge.
Vielleicht warten wir deshalb noch auf einen deutsch/österreichischen Bob Dylan. Heißt ja eigentlich auch Robert Zimmermann. Auweh, es hängt alles zusammen: Die Eisbären, Bob Dylan und dreijährige Philosophen.
Es gibt doch einen Gott.

P.S. Ich lese zur Zeit ein spitzen Buch: Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
Er schreibt darin von einer Studie, die folgendes besagt: Je mehr Zeit und Energie wir verwenden, um eine Theorie aufzustellen, umso schwieriger ist es, sie aufzugeben. Auch wenn sie falsch ist.
Dabei musste ich an Zoos denken. Und an Schulen. Und an Religionen.

P.P.S. Natürlich leisten Zoos wichtige und wertvolle Arbeit, aber in der beste aller Welten gibt’s keine Zoos.
Nur eine Vermutung.

Prison Blues

Eine Weihnachtsgeschichte.
Ich hab selten das Gesetz gebrochen und bin nur einmal dabei erwischt worden. Bei meiner Schwiegermutter liegt das Beweis Foto. Ich habe in Los Angeles eine rote Ampel überfahren. Anscheinend verstehen wir Ösis das Rechtsabbiegen bei Rot nicht ganz. Ins Gefängnis musste ich dafür allerdings nicht. Noch nicht. Absolute Klarheit gibt es erst bei meiner nächsten Einreise. Direkte Erfahrung mit dem Hefn hab ich also keine…

Kein Wunder also, dass mir vor meinem ersten Weihnachtsauftritt im Gefängnis die Knie so sehr schlotterten, dass Elvis neidisch gewesen wäre. Allerdings ohne Grund. Hier sind nur normale Verbrecher, versicherte mir der Abteilungsbeamte. Die abnormen Rechtsbrecher sind im 5. Bezirk. (3 Gehminuten von unserer Wohnung. Na dann ist ja gut.)
Meine Angst war wirklich unbegründet. Ich verbrachte einen wundervollen Nachmittag mit diesen Männern. Heuer, als ich zum zweiten Mal bei der Weihnachtsfeier spielte, war es ebenso. Ich blieb nach dem Auftritt noch fast 2 Stunden und trank Punsch mit den Gästen, sie erzählten mir von ihrem Leben, von ihren Beziehungen, von ihren Kindern…
Es sind alles erwachsene Männer, die Fehler gemacht haben, dennoch rührt es mich zu Tränen, wenn ich denke, dass sie die Feiertage ohne ihre Lieben verbringen müssen.
Wir wollen viel, aber eines wollen wir alle. Trotz all unserer Fehler mit Respekt behandelt werden. Und das wurden wir an diesem Nachmittag.

Ich bin mir nicht sicher, was Weihnachten für mich ist und worum es wirklich geht. Aber als ich mit diesen Männern in der Turnhalle stand und Kinderpunsch trank, dachte ich: Vielleicht ist das Weihnachten, Kekse essen auf Augenhöhe.

Ich wünsche euch, dass die nächsten Tage vor allem eines sein mögen: Erholsam.
Ich tue mal nix und freu mich drauf.

P.S. Ich habe entschieden, dass 2019 ein richtig gutes Jahr wird. Hab ich gern gemacht.

Over and out.

Ein Abend voller Wunder.

Der Abend ist ein ‘Best-Of’ aus den letzten Jahren, mit ein, zwei neuen Dingen. Ich freu mich auf die nächsten Termine:

04. Jänner Pop Down Hotel Zillertal
25. Jänner Restaurant Führich Wien
21. Februar Restaurant  Führich Wien

Illusionist und Mentalist Philipp Oberlohr spielt, besonders gerne mit seinem Publikum. Er liest Gedanken und weiß Dinge von seinem Publikum, die er unmöglich wissen kann. Er errät Geburtstage, sogar die Namen von längst vergessenen Schulfreunden und mehr.* Klingt unheimlich? Ist es auch. „Genuinely spooky“ (Time Out London).
Mit seinen besonderen Fertigkeiten schafft er ein Erlebnis, das alle Anwesenden einbezieht. Diese unwiederholbare Erfahrung ist jedes mal anders, jedes mal neu, denn: Es geht um Sie.

*Aber keine Sorge, peinliche Geheimnisse werden auf keinen Fall enthüllt. Es sei denn, sie sind sehr lustig.

 

Ein richtig gutes Leben.

Letzte Woche war ich am Wolfgangsee auf einem Seminar mit eben diesem Titel.
Tag eins. Im Zug nach Bad Ischl stelle ich mit Schrecken fest, dass ich mich mit dieser Frage nie sehr intensiv auseinander gesetzt habe. Meist im Vorbeigehen: “Wie geht richtig gutes Leben?… Ja, ich nehme noch einen Kaffee…”

Tag zwei. Ich ertappe mich dabei, dass ich mich frage: Wann kommt denn endlich das Rezept zum richtig guten Leben. Erstens, zweitens, drittens…
Ich bin erleichtert, dass wir keines bekommen.
Wolfgang Stabentheiner, Coach und Begründer der Future Methode, gibt Impulse aber noch viel wichtiger, stellt uns Fragen, lässt uns Antworten finden, immer neue, immer tiefer, Antworten von denen mir nicht bewusst waren, dass sie in mir sind.

Tag drei. Drei Erkenntnisse.
“Nach unten geht es von ganz allein.”
Ein richtig gutes Leben ist manchmal auch sehr mühsam.
Als ich in der Früh meine Yogaübungen mache und durch die Glasfassade auf den sonnenüberfluteten Wolfgangsee schaue Erkenntnis Nummer 3: Ein richtig gutes Leben kann auch wundervoll leicht sein.

P.S. Es freut mich, dass ich mich mit dieser Frage jetzt auseinandersetze. Es ärgert mich, dass mir diese Frage nicht schon vor 5, 10, 15, 20 Jahren begegnet ist.
Es freut mich, dass mir diese Frage nicht erst in 5, 10, 15 oder 20 Jahren begegnen wird.

http://www.future.at